Notizen aus dem dritten Viertel: Das lachende Herz

Teilen
Notizen aus dem dritten Viertel: Das lachende Herz

Charles Bukowski und die Zumutung, das eigene Leben nicht abzugeben.

Es gibt Dichter, denen man nicht sofort zutraut, dass sie einem etwas über Well Aging sagen könnten.

Charles Bukowski gehört dazu.

Zu rau.
Zu beschädigt.
Zu sehr Kneipe, Körper, Zigaretten, Pferdewetten, Einsamkeit, Trotz.
Zu wenig Rilke.
Zu wenig Herbst.
Zu wenig feine innere Ordnung.

So könnte man denken.

Und vielleicht ist genau deshalb ein Gedicht wie „The Laughing Heart“ interessant.

Denn Bukowski kommt nicht aus der Welt der Veredelung. Er schreibt nicht aus einer Ästhetik des Maßes. Er schreibt aus der Erfahrung des Verschlissenen, Abseitigen, Übersehenen. Aus der Unterseite des Lebens. Aus Nächten, in denen nichts glänzt. Aus Körpern, die nicht idealisiert werden. Aus einer Sprache, die nicht um Erlaubnis bittet.

Das ist keine klassische Well-Aging-Ästhetik.

Und doch trifft gerade dieses Gedicht einen Nerv.

Es beginnt mit einem Satz, der fast zu einfach wirkt:

„your life is your life“

Dein Leben ist dein Leben.

Eigentlich selbstverständlich.
Und doch vielleicht einer der am schwersten einzulösenden Sätze.

Denn ein Leben gehört einem nicht automatisch, nur weil man es führt.

Es kann besetzt sein von Erwartungen.
Von Rollen.
Von alten Ängsten.
Von gesellschaftlichen Altersbildern.
Von Gewohnheiten, die einmal Schutz waren und später Gefängnis wurden.
Von dem, was man beweisen wollte.
Von dem, was andere für angemessen hielten.
Von einem jüngeren Ich, das noch lange weiterregiert, obwohl seine Zeit vorbei ist.

Vielleicht ist das dritte Viertel genau der Lebensabschnitt, in dem dieser Satz noch einmal neu geprüft werden muss:

Ist mein Leben wirklich mein Leben?

Nicht im abstrakten Sinn.
Nicht als Besitzanspruch.
Nicht als individualistische Parole.

Sondern sehr konkret.

Gehört meine Zeit noch mir?
Gehört meine Aufmerksamkeit noch mir?
Gehört mein Blick noch mir?
Gehört mein Stil noch mir?
Gehören meine Entscheidungen noch meinem heutigen Leben — oder einer alten Version von mir?

Bukowski ist hier weit entfernt von glatter Lebenshilfe. Sein Gedicht ist kein Wellness-Text. Es riecht nicht nach ätherischem Öl, sondern nach Nacht, Zähigkeit und Restlicht.

Gerade deshalb passt es.

Well Aging wird schnell zu sauber erzählt. Als gehe es darum, möglichst aufgeräumt, gesund, ästhetisch und kontrolliert älter zu werden. Aber ein echtes Leben ist selten so glatt. Es hat Brüche. Irrtümer. Abende, die man besser vergessen hätte. Jahre, die zu laut waren. Beziehungen, die Narben hinterlassen. Entscheidungen, die man heute anders treffen würde. Körper, die sich melden. Vergangenheiten, die nicht einfach höflich verschwinden.

Bukowski weiß das.

Er kommt nicht mit der Behauptung, dass das Leben schön sei. Er sagt eher: Es ist deins. Und gerade deshalb darfst du es nicht vollständig abgeben.

Das ist eine harte, aber wichtige Unterscheidung.

Nicht jedes Leben fühlt sich leicht an.
Nicht jedes Leben wirkt gelungen.
Nicht jeder Mensch hat dieselben Voraussetzungen, dieselbe Sicherheit, denselben Körper, dieselben Beziehungen, dasselbe Geld, dieselbe Herkunft.

Aber auch unter schwierigen Bedingungen gibt es eine Frage, die nicht ganz verschwindet:

Wo lasse ich mich kleiner machen, als ich sein müsste?

Das ist die Stelle, an der Bukowski für Well Aging interessant wird.

Denn das Älterwerden wird kulturell oft als Verengung erzählt.

Weniger möglich.
Weniger sichtbar.
Weniger reizvoll.
Weniger relevant.
Weniger Zukunft.
Weniger Spielraum.

Bukowskis Gedicht widerspricht dieser Verengung nicht mit Verjüngungsrhetorik. Es sagt nicht: Du bist so jung, wie du dich fühlst. Es sagt nicht: Alles ist möglich. Es sagt nicht: Der Tod ist egal.

Im Gegenteil.

Die Endlichkeit steht im Raum. Nicht theoretisch. Nicht akademisch. Sondern fast lakonisch. Man kann sie nicht besiegen. Aber man kann ihr im Leben manchmal etwas abringen.

Das ist kein Trost.
Das ist eher eine Anweisung zur Wachheit.

Vielleicht liegt darin eine der stärksten Well-Aging-Ideen:

Nicht den Tod verleugnen.
Nicht gegen das Alter ankämpfen, als sei es ein persönliches Versagen.
Nicht so tun, als müsse alles weiter Sommer bleiben.

Sondern im Wissen um Endlichkeit lebendiger werden.

Nicht lauter.
Nicht hektischer.
Nicht unbedingt mutiger in der Pose.

Sondern wacher.

Bukowski spricht von Licht, aber nicht von großem Licht. Nicht von Erleuchtung, nicht von Sinnkathedralen, nicht von einem perfekt sortierten Leben. Eher von einem kleinen Restlicht, das genügt, weil es die Dunkelheit unterbricht.

Das ist für das dritte Viertel wichtig.

Vielleicht brauchen wir in dieser Lebensphase weniger große Versprechen und mehr kleine Helligkeiten.

Ein Weg mit dem Hund.
Ein Hemd, das nicht altersgerecht ist, sondern mir gemäß.
Ein Gespräch, das nicht performen muss.
Ein Buch, das den Blick verschiebt.
Ein Ort, der trägt.
Ein Morgen oder Nachmittag, an dem Natur nichts erklären muss.
Eine Entscheidung, auf einen alten Gegenwind nicht mehr zu antworten.

Das sind keine spektakulären Siege.

Aber sie sind Formen von Licht.

Und vielleicht ist Well Aging genau das: die Fähigkeit, diese kleinen Formen nicht gering zu achten.

In jüngeren Jahren denkt man Leben oft in großen Bewegungen. Karriere. Liebe. Aufbruch. Beweis. Expansion. Entscheidung. Kampf. Man will hinaus, hinauf, weiter, schneller. Das hat seine Zeit. Der Sommer war groß.

Später verschiebt sich die Frage.

Nicht mehr nur: Was kann ich alles erreichen?
Sondern: Was darf mich noch erreichen?

Das ist subtiler.

Denn man kann sehr beschäftigt sein und trotzdem nicht mehr erreichbar für das eigene Leben. Man kann funktionieren, planen, senden, reagieren, optimieren — und doch innerlich abwesend werden.

Bukowski würde vermutlich misstrauisch werden bei allem, was zu sauber klingt.

Auch beim Begriff Well Aging.

Er würde vielleicht fragen: Ist das noch Leben — oder schon wieder ein neuer Käfig mit schönerem Namen?

Das ist eine berechtigte Frage.

Denn auch Well Aging kann zur Optimierungsideologie werden. Dann muss man nicht mehr jung sein, aber immer noch souverän, gesund, stilvoll, bewusst, inspiriert, reflektiert, dankbar und gut ausgeleuchtet. Dann wird selbst das Älterwerden wieder zu einer Aufgabe, an der man scheitern kann.

Bukowskis Gedicht schützt vor dieser Glätte.

Es sagt nicht: Mach dein Leben schön.
Es sagt: Gib es nicht ab.

Das ist etwas anderes.

Ein Leben nicht abzugeben heißt nicht, es perfekt zu beherrschen.
Es heißt, nicht vollständig in Anpassung zu verschwinden.

Nicht jede Rolle weiterzuspielen.
Nicht jeden Satz über das Alter zu übernehmen.
Nicht jede Kränkung zur Identität werden zu lassen.
Nicht jede Müdigkeit mit Weisheit zu verwechseln.
Nicht jede Resignation Reife zu nennen.

Vielleicht beginnt die innere Neuordnung genau dort:

Ich prüfe, wo mein Leben noch meins ist.
Und wo es nur noch aus Gewohnheit weiterläuft.

Das ist nicht immer angenehm.

Denn manche Gewohnheiten tragen. Andere beruhigen nur. Manche Routinen geben Form. Andere machen uns unsichtbar. Manche alten Kämpfe haben uns geschützt. Andere halten uns in einer Version fest, die nicht mehr ganz wahr ist.

Bukowski spricht in „The Laughing Heart“ von Wachsamkeit. Nicht im paranoiden Sinn. Eher im existenziellen.

Pass auf.
Achte hin.
Es gibt Auswege.
Es gibt Gelegenheiten.
Nimm sie wahr.

Für das dritte Viertel heißt das nicht: alles noch einmal umwerfen.

Es heißt: wach bleiben für das, was noch möglich ist.

Nicht jede Möglichkeit ist groß.
Nicht jede Chance sieht aus wie ein neuer Lebensentwurf.
Manchmal ist die Chance nur ein anderer Blick.

Nicht mehr reagieren.
Nicht mehr erklären.
Nicht mehr gefallen.
Nicht mehr beweisen.
Nicht mehr warten, bis alles ideal ist.

Manchmal ist die Chance ein Nein.
Manchmal ein Ja.
Manchmal ein Weggehen.
Manchmal ein Bleiben — aber anders.
Manchmal ein Kleidungsstück.
Manchmal ein Buch.
Manchmal ein Tier.
Manchmal ein Satz, der endlich nicht mehr stimmt.

Bukowski ist kein Dichter der Ausgewogenheit. Seine Welt ist oft schmutzig, ungerecht, verletzt, körperlich, exzessiv. Genau darin liegt auch die Grenze. Man muss ihn nicht romantisieren. Der beschädigte Mann, der trinkt, schreibt, provoziert und sich außerhalb stellt, ist kein Modell für Well Aging.

Das wäre zu einfach.
Und vielleicht auch zu männlich-mythologisch.

Aber ein Gedicht wie „The Laughing Heart“ erlaubt eine andere Lesart.

Nicht Bukowski als Lebensvorbild.
Sondern Bukowski als Störung.

Er stört die gepflegte Sprache.
Er stört die Veredelung.
Er stört den Wunsch, dass Reife immer ruhig, schön und kultiviert klingen müsse.

Vielleicht braucht Well Aging genau diese Störung.

Denn auch im dritten Viertel bleibt etwas Unzivilisiertes in uns. Ein Rest Trotz. Ein Rest Hunger. Ein Rest Wut. Ein Rest ungebrochener Lebenswille. Der muss nicht alles führen. Aber er muss auch nicht verschwinden.

Der Wolf bleibt.
Das Herz lacht trotzdem.

Oder vielleicht gerade deshalb.

Das lachende Herz bei Bukowski ist kein niedliches Herz. Es ist kein rosafarbenes Symbol. Es ist ein Herz, das zu viel gesehen hat, um naiv zu sein — und trotzdem nicht ganz aufgibt.

Das ist stark.

Für Well Aging ist das vielleicht eine notwendige Figur: ein Herz, das nicht mehr alles glaubt, aber noch erreichbar bleibt.

Nicht sentimental.
Nicht zynisch.
Nicht gläubig an jede Hoffnung.
Aber auch nicht so verhärtet, dass kein Licht mehr hineinkommt.

Zwischen Naivität und Zynismus liegt eine reifere Möglichkeit:

wache Bejahung.

Nicht alles ist gut.
Nicht alles wird gut.
Nicht alles lässt sich reparieren.
Nicht alles beginnt neu.

Aber solange ich lebe, ist mein Leben nicht nur Verwaltung.
Nicht nur Nachtrag.
Nicht nur Rest.

Es bleibt etwas, das entschieden, gespürt, bewohnt und manchmal zurückerobert werden kann.

Das Wort zurückerobern ist heikel, aber passend. Nicht im heroischen Sinn. Eher leise.

Ich erobere Zeit zurück, indem ich nicht mehr jeden Reiz beantworte.
Ich erobere Stil zurück, indem ich nicht frage, ob etwas altersgerecht ist.
Ich erobere Gegenwart zurück, indem ich Natur nicht als Kulisse verwende, sondern als Rückkehr.
Ich erobere Würde zurück, indem ich nicht jede alte Geschichte noch einmal verhandle.
Ich erobere mein Leben zurück, indem ich anerkenne: Es ist endlich. Und gerade deshalb gehört es nicht der Verschiebung.

Vielleicht ist das die radikale Seite dieses Gedichts.

Es sagt nicht nur: Lebe.
Es sagt: Wisse, dass du lebst, solange du lebst.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Viele Menschen leben, als müssten sie erst noch die Erlaubnis bekommen, ihr Leben wirklich zu bewohnen.

Erst wenn die Arbeit leichter wird.
Erst wenn der Körper wieder besser ist.
Erst wenn genug Sicherheit da ist.
Erst wenn andere einverstanden sind.
Erst wenn die richtige Phase kommt.
Erst wenn man sich nicht mehr erklären muss.

Aber vielleicht kommt diese Erlaubnis nicht.

Vielleicht ist Well Aging auch die Einsicht, dass man sie nicht mehr beantragen sollte.

Das bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit. Es bedeutet nicht, Bindungen gering zu achten. Es bedeutet nicht, nur noch sich selbst zu sehen.

Es bedeutet: Ich gebe mein Leben nicht vollständig an fremde Maßstäbe ab.

Nicht an Jugendmaßstäbe.
Nicht an Produktivitätsmaßstäbe.
Nicht an Angstmaßstäbe.
Nicht an das Bild, wie jemand in dieser Lebensphase angeblich zu sein hat.

Bukowski würde diese Maßstäbe vermutlich nicht höflich diskutieren. Er würde sie beiseiteschieben.

Vielleicht braucht es manchmal genau das.

Nicht als Dauerhaltung.
Nicht als grobe Pose.
Aber als inneres Nein.

Nein zu der Vorstellung, dass das Leben später nur noch kleiner werden darf.
Nein zu der Verwechslung von Ruhe und Verschwinden.
Nein zu der Idee, dass Sichtbarkeit nur der Jugend gehört.
Nein zu einer Sprache, die Alter entweder beschönigt oder beschämt.

Und dann ein Ja.

Ja zu einer reiferen Gegenwart.
Ja zu einem Stil, der mir gemäß ist.
Ja zu Lektüren, die den Blick verschieben.
Ja zu Orten, die tragen.
Ja zu Tieren, die nicht fragen, ob man noch relevant ist.
Ja zu Licht, auch wenn es nicht viel ist.

Vielleicht ist das Bukowskis überraschende Verbindung zu unseren bisherigen Notizen.

Rilke gab uns den Ring.
Rilke gab uns den Herbst.
Hesse gab uns die Stufe.
Bukowski gibt uns das Herz, das trotz allem nicht vollständig aufhört zu lachen.

Nicht laut.
Nicht sauber.
Nicht versöhnt.

Aber lebendig.

Das ist keine Verjüngung.

Es ist eine Widerrede gegen innere Abdankung.

Vielleicht ist das die nächste Notiz aus dem dritten Viertel:

Dein Leben ist dein Leben.
Nicht als Besitz.
Als Aufgabe.
Als Zumutung.
Als Restlicht.
Als Möglichkeit, nicht vollständig in die Dunkelheit fremder Begriffe überzugehen.

Well Aging heißt dann nicht: schön altern.
Auch nicht: stark altern.
Vielleicht nicht einmal: gelassen altern.

Sondern:

das eigene Leben nicht aus der Hand geben.

Nicht jünger.
Nicht glatter.
Nicht gefälliger.

Wacher.
Eigensinniger.
Noch erreichbar für Licht.

Und vielleicht ist das lachende Herz genau dieses kleine, unzerstörbare Organ der inneren Neuordnung:

Es weiß, dass nichts sicher ist.
Es weiß, dass der Körper vergeht.
Es weiß, dass Dunkelheit existiert.
Es weiß, dass nicht alles gut ausgeht.

Und trotzdem sagt es:

Noch nicht.

Noch nicht abdanken.
Noch nicht verstummen.
Noch nicht das eigene Leben nur verwalten.

Es gibt noch Licht.

Vielleicht nicht viel.

Aber genug, um hinzusehen.

Weiterlesen